Das Schweigen der Lämmer?

Karnismus

Dies ist ein Gastbeitrag von Anne Hoffmann.

Der Frühling ist die Zeit des neuen Erwachens aus langem Winterschlaf, die Zeit der Liebe und des Entstehens von neuem Leben. Überall sprießen zarte Pflanzen, überall werden kleine Tiere geboren. Die Wiedergeburt (auch wenn das Christentum es nicht so nennt) feiern die Menschen hierzulande an Ostern, und symbolisch stehen dafür niedliche Küken, Häschen, Lämmchen. Es werden jede Menge Eier verzehrt, echte und aus Schokolade, kleine Kaninchen und zartes Lammfleisch zu schmackhaften Braten verarbeitet… Moment. Diese herzallerliebsten Tiere, die mehr als das Durchschnittsschwein unser Kindchenschema ansprechen – die werden ohne mit der Wimper zu zucken getötet und gegrillt? Allenfalls von den Kindern kommt dabei noch mal Protest, die armen Lämmchen! – aber zur Not wird halt geschwindelt, dass das ja Pute oder Schwein ist. Und die sind ja nicht so putzig, die isst dann auch meist das hartnäckigste Moralkind.

Wie kommt das eigentlich? Alle finden wir schrecklich grausam, was in Mastanlagen und Schlachthäusern geschieht, aber selbst wenn es um die Babies der Tiere geht, können wir davor nicht Halt machen und essen sie doch. Ist doch normal, weil es immer schon alle so gemacht haben?

Hunde liebhaben, Schweine essen?

Es gibt ein einleuchtendes Konzept, das diesen offensichtlichen Widerspruch erklärt: Der Begriff des Karnismus, wie die us-amerikanische Psychologin Melanie Joy das Phänomen des kulturell begründeten Fleischkonsums genannt hat. Kurz zusammengefasst: Es ist auffällig, dass in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Tiere als essbar eingestuft werden, und in jeder Kultur aber eine weitaus größere Zahl Tiere als ungenießbar oder ekelhaft. Welche Tiere dies jeweils sind, lernen wir bereits als kleine Kinder abhängig von den Normen die in der uns (ja doch eher zufällig) umgebenden Welt vorherrschen. Wenn also ein deutsches Kind in China (oder Korea oder im Amazonasgebiet) bei chinesischen Eltern aufwüchse, würde es lernen dass Hunde (oder Schlangen oder Termiten-Buletten) schmackhaft und essbar sind. Und wenn es irgendwann wieder in Deutschland lebte, würde es mit seinen für ihn/sie/x normalen Essgewohnheiten nur Entsetzen ernten.

Fleischessen wird als normal, natürlich und notwendig angesehen

Die Ursache dafür ist, dass uns einfach der gedankliche Zusammenhang zwischen dem Fleischstück auf dem Teller und dem lebenden Tier verlorengegangen ist, denn „natürlich wissen wir, dass ein Tier sterben muss, damit wir Fleisch essen können, aber auf einer tieferen Ebene fehlt eine klare Verbindung“. Karnismus ist sozusagen das Verhalten, das „Gefühl“, welches uns lehrt, immer dann unser Mitgefühl auszuschalten, wenn es um kulturell erlernte Verhaltensweisen – wie eben Essen und Genuss – geht. Hauptgründe dafür sind: die Grausamkeit und das Leid, welche zur Fleischproduktion dazugehören, sind in der Gesellschaft nicht sichtbar, es geschieht hinter verschlossenen Türen.

Wir haben zudem gelernt: Fleischessen ist normal, natürlich und notwendig für ein gesundes Leben. Dies wiederum führt zu einer Wahrnehmungsverzerrung: Wir nehmen Nutztiere nicht als Jemanden, sondern als Etwas wahr, und schützen uns selbst so davor, in eine moralische Krise zu geraten. Blöd jetzt, dass alle diese Nutztiere genauso fühlen und denken wie die von uns so geliebten Haustiere – für die wir ja fast alles tun, die wir oft wie Kinder lieben, für die wir jährlich Tausende von Euro ausgeben und von deren Schicksal wir tief betroffen sind, wenn zB. in Südeuropa Straßenhunde leiden müssen. Dafür mobilisieren wir alle möglichen Kräfte, und trotzdem essen wir am Abend das Schweinewürstchen. Das Schwein, das im Durchschnitt mit dem Erreichen des Erwachsenenalters die Selbstwahrnehmung und den Intellekt eines dreijährigen Menschen erreicht – ein Hund im Schnitt nur den eines Einjährigen. Spätestens jetzt müsste eigentlich das Filet nur noch eklig schmecken.

Analog gilt dies natürlich für andere Tiere, die vielleicht nicht direkt für unsere Nahrungsmittelproduktion sterben, aber sehr wohl indirekt (wie z.B. die vergasten Brüder der Legehennen, das Abfallprodukt Kälbchen oder die ausgebrannte Kuh, die nur ein Fünftel ihrer natürlichen Lebenserwartung erreicht, in der Milchindustrie).

Vegan Ostern feiern – so einfach

Immer mehr Menschen begreifen dieses anerzogene Paradoxon und entscheiden sich wie wir für den Ausweg: vegan leben. Heute ist es hervorragend möglich, ohne Tierprodukte zu leben. Man muss nur wollen. Ostern heißt Aufbruchsstimmung, also packen wirs an 🙂 Ganz davon abgesehen, dass es alle möglichen schokoladigen, karamelligen, sahnecremigen und trüffeligen Leckereien für ein veganes Osterkörbchen gibt – bietet sich doch auch eine tolle Gelegenheit, die ursprüngliche Symbolkraft von Eiern und kleinen Lebewesen zu ergründen. Statt (Hühner-)Ostereierjagd im Haus oder im Garten kann man einen Vogelstimmenspaziergang machen. Vielleicht findet man sogar schon das eine oder andere verlassene Nest mit echten Schalenresten. Die Design-Vielfalt von Singvogeleiern ist selbst in Mitteleuropa kaum überschaubar.

Ist es nicht viel spannender für ein Kind, zu erleben und zu befühlen, wie irre bunt diese kleinen Superverpackungen sind und wie zart, obwohl daraus dann sowas Beeindruckendes wie eine opernarienflötende Amsel entschlüpft? Alternativ kann man z.B. auch Hummeln und Bienen in ihren Lebensräumen besuchen (auch die legen Eier!) oder Wildkräuter sammeln und leckeres Pesto daraus rühren. Wer noch nicht überzeugt ist – hier noch 30 Rezepte für einen absolut super yummy Osterbrunch von der genialen Küchenfee Kathy: http://kblog.lunchboxbunch.com/2011/04/vegan-easter-brunch-30-recipe-ideas.html.

Alles Liebe und frohes Frühlingsfeiern!

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