Durch Zuhören die Welt verbessern

gewaltfreie kommunikation

Gewaltfreie Kommunikation als Werkzeug für eine bessere Welt

Ich hab mir immer gewünscht, alle Menschen irgendwie verstehen zu können. Mein Gedanke war, wenn ich verstünde, was sie dazu bringt, all diese schrecklichen Dinge zu tun, die Menschen nun mal tun, könnte ich sie davon abhalten. Wenn man mich also fragen würde, welche Superpower ich haben wollen würde, wenn ich mir eine aussuchen könnte, wäre das Empathie1. Vielleicht wäre ich dann Empathy Girl oder so.

Als ich also das erste Mal von der Gewaltfreien Kommunikation hörte und ein bisschen darüber nachlas, sprach mich das Konzept sofort an. Ich kaufte mir das Grundlagenbuch „Gewaltfreie Kommunikation“ des US-amerikanischen Psychologen Marshall Rosenberg und las es innerhalb kürzester Zeit durch. Die Gewaltfreie Kommunikation, kurz GFK, ist eine Methode zur Konfliktlösung, sowohl im privaten Rahmen, als auch auf politischer Ebene. Sie ist aber auch eine Methode zur Persönlichkeitsentwicklung. Die GFK geht davon aus, dass jeder Mensch die gleichen Bedürfnisse hat und im Rahmen seiner Möglichkeiten das Beste tut, was er kann. Sie stellt eine echte Verbindung zwischen Menschen her, die zu echtem Verstehen führt.

So sieht das Modell der Gewaltfreien Kommunikation aus

Das Kommunikationsmodell ist auf vier Schritten aufgebaut:

  1. Beobachtung
  2. Gefühle
  3. Bedürfnisse
  4. Bitte

Eine Beobachtung ist immer frei von Bewertungen und Urteilen. Gehen wir mal davon aus, ich komme nach Hause und sehe, dass die Küche schon wieder aussieht wie ein Saustall. Ich kann nun also zu meinem Freund sagen:
(1) „Ständig ist die Küche dreckig, wenn ich heimkomme.“ oder
(2) „In dieser Woche war dreimal abends dreckiges Geschirr in der Spüle und die Herdplatten waren verdreckt.“
Bei (1) merke ich sofort, wie es in mir schreit: das stimmt doch gar nicht! Bei (2): nichts, vielleicht ein Hauch schlechtes Gewissen.

Wenn ich ein Gefühl ausdrücken will, muss ich mich besonders vor Pseudo-Gefühlen in acht nehmen, die versteckte Bewertungen sind. Zum Beispiel: „Ich fühle mich ausgenutzt.“ heißt übersetzt „Du nutzt mich aus.“ Eine richtige Anklage ist das! Ein echtes Gefühl hingegegen wird ausgedrückt in: „Ich fühle mich hilflos.“ oder „Ich habe Angst.“
Wir sind es oft nicht gewohnt, mit Gefühlen um uns zu werfen, deswegen kann es ultra-schwer sein, überhaupt erstmal rauszufinden, was man so für Gefühle hat. Und das dann auch noch auszusprechen…

Gefühle sind immer eine Anzeige, wie es um unsere Bedürfnisse steht. Fühle ich mich schlecht, d.h. traurig, ängstlich, irritiert, etc. ist das ein Zeichen dafür, dass ein Bedürfnis gerade zu kurz kommt. Fühle ich mich gut, d.h. glücklich, zufrieden, erfüllt, etc., is das ein Zeichen dafür, dass ein oder mehrere Bedürfnisse gerade efüllt sind. Das Bedürfnis im oberen Beispiel könnte z.B. Ordnung sein. Andere Bedürfnisse sind Wertschätzung, Gemeinschaft, Ruhe, …

Der 4. Schritt: bitten statt fordern

Sobald mir nun also klar ist, was genau passiert ist, welche Gefühle das in mir auslöst und welches Bedürfnis da zu kurz gekommen ist, kann ich mich daran wagen, eine Bitte auszusprechen. Wenn wir zurückkehren zum Beispiel mit der Küche, könnte das dann so aussehen:
„Wenn ich sehe, dass in dieser Woche dreimal abends dreckiges Geschirr in der Spüle war, ärgert mich das, weil ich mir wirklich Ordnung in unserer Wohnung wünsche. Wärst du bereit, das Geschirr aufzuräumen?“
Eine Bitte sollte immer konkret und sofort ausführbar sein. Und wenn ich eine Bitte ausspreche, sollte mir und meinem Gegenüber klar sein, dass auch ein „Nein“ eine akzeptable Antwort ist. Damit sich mein Bedürfnis nach Ordnung erfüllt, gibt es aber noch viel mehr Möglichkeiten. Wenn mein Freund in dem Fall „Nein“ sagt, kann ich auch selber aufräumen, oder wir machen gemeinsam einen Aufräum-Plan, oder wir stellen eine Putzfrau ein, oder ich tausche beim Tauschring meine Computerkenntnisse gegen einmal die Woche putzen, oder oder oder.

Meine ersten Erfahrungen mit der Gewaltfreien Kommunikation

Mein erster magischer GFK-Moment war, als ich einen Tageskurs bei Daniela belegt habe und wir in kleinen Gruppen „empathisch zuhören“ üben sollten. Das geht so:
Eine/r erzählt von einer Situation, die bei ihm/ihr starke Gefühle ausgelöst hat. Der/die andere hört zu und versucht dabei mit der Aufmerksamkeit komplett bei der anderen Perosn zu sein. Für den/die ErzählerIn kann es hilfreich sein, gespiegelt zu bekommen, was bei dem/der ZuhörerIn ankommt, z.B. „Das klingt, als hätte dich das sehr geärgert.“ Empathisch zuhören heißt nicht, dass man übereinstimmt! Es heißt auch nicht, dass man bemitleidet oder Tipps und Ratschläge gibt. Oder im Kopf wälzt, was man selbst in der Situation getan hätte.
Für mich war das ziemlich besonders, weil ich mich in einer Situation, die mich ziemlich mitgenommen hat, echt verstanden gefühlt habe und danach besser damit umgehen konnte.

Danach bin ich zum Fan geworden. Ich schloss mich der Übungsgruppe von Daniela an und übte jeden Monat einmal zwei Stunden GFK. Das war toll, nur leider nicht besonders oft und im Alltag konnte ich das Ganze nur sehr selten mal anwenden.

Jahrestraining Gewaltfreie Kommunikation als Weg zu mir selbst

Nun passierte es im Laufe des Jahres, dass ich immer weniger Geduld und Verständnis für so ziemlich alles aufbringen konnte. Alle Gedanken drehten sich nur nuch im Kreis ohne zu einem Ende zu kommen. Ich war ständig unglücklich war und mein Energiepegel sackte in den Minusbereich. Am liebsten wäre ich den ganzen Tag zu Hause geblieben und hätte in Endlosschleife meine Lieblings-TV-Serie angesehen (was ich auch tat). Gleichzeitig fiel die Übungsgruppe über mehrere Monate aus.
Also zog ich die Notbremse und meldete ich mich für ein Jahrestraining bei Gewaltfrei Niederkaufungen an. 3 x 5 Tage über ein halbes Jahr verteilt.

Im Laufe des ersten Moduls, das über 5 Tage ging, ist mir nochmal vieles klarer geworden: wie wichtig es ist, sich selbst wichtig zu sein. Wie wichtig die Verbindung zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen ist. Dass manche Strategien, ein Bedürfnis zu erfüllen, einfach gar nicht funktionieren. Dass manche Strategien sich als Bedürfnis tarnen. Wie viele Strategien es überhaupt erst gibt, ein Bedürfnis zu erfüllen!
Und natürlich hat das Training an sich schon viele Bedürfnisse in mir erfüllt: Empathie, Entwicklung, Gemeinschaft, Dazugehören, Gesehen werden, Kreativität, Erholung, Wertschätzung, Leichtigkeit. Alles Bedürfnisse, die in der letzten Zeit viel zu kurz gekommen waren!

Wenn ich für meine Bedürfnisse gut gesorgt habe, dann habe ich auch wieder richtig Lust beizutragen, die Bedürfnisse anderer zu erfüllen. Und das ist so großartig!

Weiterführende Links:
GFK Portal
Gewaltfreie Kommunikation in Deutschland
Fachverband GFK e.V.

  1. Empathie ist die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und zu fühlen, was sie fühlen []

7 Kommentare

  1. Ein schöner Text. Ich habe mich in den vergangenen Jahren viel mit dem Thema Kommunikation befasst und wünsche mir oft, dass Menschen im allgemeinen sorgsamer damit umgingen. Ich habe leider häufig den Eindruck, vielen ist einfach nicht klar, wie machtvoll Worte sein können und wie viel Verantwortung jeder eigentlich für das trägt, was er äußert. Mir selbst war das früher ja auch nicht klar. Rückblickend hätte ich mir gewünscht, mein Umfeld und ich hätten viel früher gelernt, was ich heute weiß und ich bin neugierig, was ich noch lernen werde dürfen.

    1. Liebe Sylvia, es macht mich froh, dass dir der Artikel so gefallen hat, dass du einen Kommentar schreibst und überhaupt finde ich es total schön, von dir zu hören 🙂 Ich bin noch am kämpfen, das Theoretische ins Praktische umzusetzen und merke, wieviel davon abhängt, wie ich eigentlich zu mir selbst stehe.

      1. Hallo Sabrina,

        es ist bereichernd, wie frei – von Herzen – du in deinem Blog schreibst.
        Herzlichen Dank.

        Ja die Theorien. Es ist vieles bekannt oder kann wieder erkannt werden, aber …
        Das praktische Umsetzen Übertragen Anwenden hat IMMER mit der eigenen einzigartigen Vorgehensweise -unserem Naturell – zu tun. Das beweist das Daktylogramm. Jeder hat einen anderen Fingerabdruck und ich behaupte sogar einen anderen Fußabdruck.
        Die „Wunder“ geschehen im einfachen Tun und lassen. Wir alle sind fehlbar und haben Mängel. Von Herzen sind wir alle aber vollkommen. Denn der Verstand ist begrenzt. Ich frage mich, warum Tiere ohne GFK emphatisch sein können 🙂

        Barfüßige Grüße

        Volker

        1. Lieber Volker,
          Ich freu mich, wenn dich mein Artikel bzw. meine Schreibweise bereichern konnte 🙂 Ich verstehe von dir, dass dir wichtig ist, dass jeder Mensch als einzigartig und vollkommen erkannt wird.

          Ich hänge ein bisschen an deinem Satz: „Ich frage mich, warum Tiere ohne GFK emphatisch sein können :-)“. Ich denke, wir alle können „ohne GFK“ empathisch sein. Ich denke aber auch, dass wir viel davon schon in den Kindheitsjahren verlernt haben. Es gibt sicher viele Wege zu einem empathischen, authentischen und selbstbestimmten Leben – für mein Leben hat mir die GFK den wichtigsten Anstoß gegeben. Das kann für jede_n anders aussehen 🙂

          Liebe Grüße,
          Sabrina

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