Klimakrise: Was mir hilft, motiviert zu bleiben

Titelbild Klimajahr

Mit Überforderung umgehen

Während sich die mediale Aufmerksamkeit in diesem Jahr endlich immer mehr auf die Klimakrise richtete, wurde es hier auf dem Niemblog immer stiller. Der Hauptgrund dafür war, dass ich selbst stark überfordert war und ins Zweifeln geriet: Das, worüber ich hier schreibe, das Anfangen im Kleinen, im Alltäglichen, was bringt das überhaupt? Ist nicht sowieso alles zu spät? Was kann ich tun, das wirklich was bringt und das ich auch bereit bin zu tun und meinen Fähigkeiten entspricht?

Ohne Antworten – wenigstens für mich – zu haben, wollte ich darüber nicht schreiben, um die Hoffnungslosigkeit, die ich zeitweilig spürte, nicht zu verbreiten. In der Zwischenzeit haben sich Begriffe wie „Klimaangst“ und „Klimadepression“ für dieses Phänomen gebildet, worin ich mich sehr wiedergefunden habe.1

Ich bin grad selbst ganz erstaunt, dass ich mittlerweile für mich ein paar Antworten gefunden habe. Jetzt würde ich gerne mein Gelerntes aus diesem emotional sehr herausfordernden Jahr teilen.

Herz & Intuition

Alter knorriger Baum

Unsere Welt hat viele Baustellen. Zuoberst liegen für mich Klimawandel – und damit verbunden die Entfremdung von der Erde – und Hass, der letztendlich auch eine Entfremdung von uns und den Menschen um uns herum ist. Wenn man es genau nimmt, würde ich sogar sagen, dass wir eigentlich nur ein Problem haben, aus dem wiederum alle anderen resultieren: die Entfremdung und das Abgetrenntsein von uns selbst und der Welt, von der wir eigentlich ein Teil sind.2

Es gibt viele Leute, die von sich behaupten, sie wüssten, was nun das Wichtigste ist und wie man sich am besten einzusetzen hat. Wenn ich ihnen lang genug zuhöre, dann denke ich auch, dass ich definitiv demonstrieren gehen muss und zivilen Ungehorsam leisten muss oder was auch immer. Weil ich das aber nicht will, gerate ich in einen innerlichen Konflikt. Auf der einen Seite kämpfen mein Pflichtbewusstsein und der Wunsch danach, wirksam beitragen zu können. Auf der anderen Seite kämpfen mein Wunsch, gut für mich zu sorgen und das Wissen, dass es Dinge gibt, die mir einfach nicht gut tun und nicht liegen. Und unter emotional bewegten Menschenmassen zu sein gehört da leider dazu.

Ich glaube mittlerweile, dass es sehr viele Möglichkeiten gibt, sich für eine Welt zu engagieren, von der unser Herz weiß, dass sie möglich ist. Und ich glaube auch, dass wir intuitiv besser wissen als intellektuell, wie unser Beitrag dazu aussehen kann. Wir können spüren, wofür wir Motivation und Energie haben und wofür es Druck von innen und außen braucht, damit wir etwas machen. Ich glaube auch, dass es auf dieser intuitiven Ebene eine Weisheit gibt, die wir intellektuell nicht begreifen können.

Deshalb ist meine Erkenntnis an der Stelle, auf mein Herz und vor allem mein Körpergefühl zu hören. Wie fühlt es sich an, wenn ich daran denke, dies oder jenes zu machen? Fühle ich mich voller Energie und Hingabe? Oder spüre ich Druck und Schwere?3

Fokus

Lotusblüte im Fokus

Die zweite wichtige Erkenntnis aus diesem Jahr für mich ist: Fokus! Ich weiß ja schon, wie schlimm es ist. Es wird nichts besser dadurch, wenn ich immer wieder Variationen derselben Meldung lese, wie Wissenschaftler*innen die Klimakrise einschätzen oder was Donald Trump zuletzt getwittert hat. Ich möchte mich auf das fokussieren, was ich für mich als meinen Weg erkannt habe. Das heißt natürlich nicht, mit Scheuklappen durchs Leben zu rennen. Es heißt aber auch nicht, jeder schlechten Nachricht hinterher zu laufen und sich persönlich dafür verantwortlich zu fühlen.

Dazu habe ich auch Vorschläge gehört, wie: Sich nur bestimmte Zeiten für Nachrichtenkonsum und dessen Verarbeitung zu reservieren und den Rest der Zeit darauf zu verzichten. Das habe ich bisher noch nicht ausprobiert. Mein erster Schritt war, radikal alles auf Facebook auszublenden, was mit Klimakatastrophe und Rechtspopulismus zu tun hat. Gleichzeitig lese ich weiterhin die ZEIT, so dass ich immer noch informiert bleibe. Allein die Unkontrolliertheit und das Ausmaß an schlechten Nachrichten reduziere ich. Und das trägt sehr zu meiner Fokussiertheit, Lebensqualität und auch Motivation bei.

Dabei geht es mir nicht darum, zu verleugnen, was passiert, sondern funktionsfähig zu bleiben.

Trauer

Herbstliches Ahornblatt im Wasser

Für mich ist ein guter Weg um mit katastrophalen Meldungen umzugehen, Trauer zuzulassen und zu weinen. Gleichzeitig besteht die Gefahr für mich, dass ich mich da hinein steigere bis in die totale Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Das passiert, wenn ich immer weiter klicke und immer mehr lese und ansehe. So ging es mir, als die Nachricht sich verbreitete, dass der Regenwald brennt. Dafür will ich aufmerksam bleiben.

Trauern bringt uns wieder in Verbindung mit uns selbst. Trauern heißt, das als Realität anzuerkennen, was ist, und die Lücke wirklich wahrzunehmen, die zwischen der Realität und unserer Wunschwelt klafft. Damit Trauer ihren Raum bekommen kann, braucht es manchmal Unterstützung. Nicht umsonst gibt es überall auf der Welt Trauerrituale in Gemeinschaft.4

Mein Beitrag

Die Erde als Netzwerk

Was ist nun also mein Beitrag? Wo zieht es mich hin? Gerade konzentriere ich mich darauf:

Regionale Vernetzung von Menschen, die die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) begeistert

Das Ziel der Gewaltfreien Kommunikation ist es, Verbindung wieder herzustellen. In einer Welt, deren größte Probleme Entfremdung und Abgetrenntheit von den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen und unserer Mitwelt sind, halte ich die Verbreitung der GFK für eine sinnvolle Aufgabe.

Wenn sich Menschen, die sich dafür begeistern, dann auch noch zusammen tun, dann habe ich die Vorstellung, dass Synergien entstehen und durch gegenseitige Unterstützung mehr Energie freigesetzt wird, um gesellschaftliche Veränderung voran zu treiben.

Übungsgruppen und Seminare in Gewaltfreier Kommunikation

Ich möchte ermöglichen, dass Menschen, die einmal einen GFK Kurs besucht haben, dran bleiben können und wirklich in der Tiefe verstehen, worum es geht. Auch hier mit dem Fokus, dass sich Menschen dadurch kennenlernen, in Kontakt bleiben und Rückhalt für ihr Alltagsleben bekommen – und Mut, sich für die Dinge einzusetzen, die ihnen wichtig sind.

Fortbildungen in Mediation, Coaching und Traumatherapie

Ich möchte das, was ich mache, wirklich gut machen. Und dafür ist es einfach sinnvoll, von erfahrenen Trainer*innen zu lernen und sich weiterzubilden.

Frühe traumatische Erlebnisse (Entwicklungstraumata) tragen maßgeblich zu einem Lebensgefühl von Abgetrenntheit bei. Dabei ist wichtig zu erkennen, dass für Babys, die noch nicht fertig entwickelt geboren werden, ganz andere Dinge traumatisch sind als für Erwachsene. Dazu gehört z.B. schon, alleingelassen zu werden, keine Resonanz zu bekommen oder eine problematische Geburt zu erleben. Damit ist schon angedeutet, dass es sich bei Entwicklungstrauma um ein gesellschaftliches Problem handelt. Daher ist es für mich sehr wichtig, darüber zu lernen.5

Das ist die Momentaufnahme von heute.

Und du? Möchtest du teilen, wie es dir mit den aktuellen Weltgeschehnissen geht und wie du damit umgehst?

  1. Weiterführendes zu Klimaangst von Jan Lenarz auf Instagram []
  2. Weiterführendes zu Entfremdung: Sharif Abdullah: Creating a World that Works for All & Charles Eisenstein: Climate – A New Story []
  3. An der Stelle sei gesagt, dass die erste Herausforderung schonmal ist, das überhaupt fühlen und richtig einsortieren zu können. []
  4. Weiterführendes zu Trauer: Joanna Macy: Die Reise ins lebendige Leben []
  5. Weiterführendes zu Trauma: traumaheilung.de []

4 Kommentare

  1. Liebe Sabrina,
    auch dieser, nun überarbeitete Artikel von Dir ist wieder mal einer der Gründe, warum ich Dein Blog immer wieder gern lese. Klar. Ehrlich. Offen. Verletzlich. Stark. Durchdacht. Inspirierend. Danke dafür! Amsel

    1. Liebe Amsel, das tut mir richtig gut zu hören und ich freue mich sehr darüber! Dein Kommentar wird wohl Einzug in mein persönliches Wertschätzungs-Büchlein finden 🙂

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