Kostbare Nahrung

Kartoffeln in der Mülltonne Aldi-Süd

Essen gibt’s im Supermarkt, Essen gibt’s bei McDonalds, Essen gibt’s in der Kantine, Essen gibt’s am Bratwurststand. Essen gibt’s in der Tonne. Schon mal Essen aus der Tonne gegessen?

Einige Daten und Fakten über Lebensmittelverschwendung

Für uns ist Essen selbstverständlich. In Afrika, Asien und Südamerika nicht. Die UN Organisation WFP (World Food Programme) schätzt, dass rund ein Achtel der Weltbevölkerung Hunger leidet. In Zahlen: 870 Millionen Menschen. Das sind etwa 10mal so viele Menschen, wie in Deutschland leben. Dort landen in einem Jahr etwa 10 Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll (Studie der Universität Stuttgart). Dieses Gewicht bringen 250.000 Sattelzüge auf die Waage. Stellt man diese Sattelzüge hintereinander auf, reichen sie von Madrid nach Moskau. Und das sind nur die Zahlen für Deutschland. Eine Studie der FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) zeigt, dass weltweit rund ein Drittel aller Lebensmittel verloren geht oder verschwendet wird. Man kann hier viele, viele weitere große Zahlen einsetzen, aber letztlich sind das alles nur Schätzungen. Denn gerade beim Theme „Lebensmittel wegwerfen“ lässt sich die Industrie gar nicht gerne über die Schulter schauen. Jeder, der einmal in die Mülltonnen eines Supermarkts geschaut hat, weiß aber, wieviel da weggeworfen wird.

Laut der Studie sind die Gründe für den Verlust von Lebensmitteln in den Entwicklungsländern:

  • Es wird zu früh geerntet
  • Schlechte Lagerbedingungen und mangelnde Infrastruktur
  • Schlechte Hygienebedingungen
  • Ungenügende Verarbeitungsmöglichkeiten von frischer Ware

Die Gründe für die Verschwendung in den Industrieländern:

  • Die Produktion ist größer als die Nachfrage, wegen schlechter Planbarkeit
  • Hohe Qualitätsstandards der Märkte, was das Aussehen der Ware angeht, z.B. gerade Karotten und Gurken
  • Bei der Verarbeitung wird aus Kostengründen lieber weggeworfen statt wiederverwertet, z.B. Pommes Frittes
  • Überfluss an Essen führt zu mangelndem Respekt für das Essen

Wie hängen Hunger und Lebensmittelverschwendung zusammen?

Das Spannende an der Sache ist: der Hunger in der Dritten Welt und die Verschwendung in den Industrienationen hängt indirekt zusammen. Der Preis für Grundnahrungsmittel wie Weizen und Mais auf dem Weltmarkt war in den letzten Jahren so hoch wie nie, weil die Nachfrage in den Industrieländern so groß ist. Das hat aber nichts damit zu tun, dass wir so viel Hunger haben, sondern damit, dass wir diese Nahrungsmittel für Treibstoffe und die Tierzucht benötigen. Und nicht zuletzt auch damit, dass wir einen Teil der nachgefragten Lebensmittel ungegessen in die Tonne werfen. Für die Bevölkerung der Entwicklungsländer bedeutet das, dass sie sich Mais und Weizen einfach nicht mehr leisten können.
Da auch ein Teil unserer Nahrung aus diesen Ländern importiert wird, nehmen wir dort außerdem Landwirtschaftsfläche und Wasser weg (für Lebensmittel, die später bei uns in der Tonne landen), die dort nicht mehr für den Eigenbedarf bzw. für die Bevölkerung zur Verfügung stehen.

Was aber bedeutet es noch, wenn Lebensmittel weggeworfen werden?

Ein Beispiel: Wie aufwändig ist es eigentlich, Brot herzustellen?

Beispiel Brot: Ein einfaches Weizen-Brot besteht aus Hefe, Mehl und Wasser. Die Hefe lassen wir bei der Berechung erstmal außen vor. Mehl wiederum ist gemahlenes Getreide, meistens Weizen. Es muss also zunächst Weizen angebaut werden.

Aufwände bei der Herstellung von Brot

1. Dafür wird zunächst das Feld umgepflügt, um den Boden bereit zu machen für die Aussaat. Der Pflug hängt an einem Traktor – schon lange nicht mehr an einem Pferd – und dieser benötigt Energie bzw. Treibstoff. Der Traktor muss außerdem erstmal da sein, genauso wie der Pflug. Die Herstellung eines Autos benötigt so viel Energie wie ein Durchschnittshaushalt in 10 Jahren. Das ist enorm viel, kann sich allerdings wieder etwas relativieren, wenn man runterrechnet, wie viele Felder so ein Traktor bepflügt und wie lange er eingesetzt wird. Während dem Pflugeinsatz stößt der Traktor außerdem CO2 aus.

2. Nach dem Pflug folgt die Aussaat mit der Sämaschine. Auch die hängt wieder an einem Traktor dran. Manchmal sind Sämaschine und Pflug kombiniert, manchmal wird auch ohne zu pflügen gesät. Auch der Einsatz der Sämaschine setzt CO2 frei und verbraucht Treibstoff. Und auch die Sämaschine muss erstmal hergestellt werden.

3. Nach der Aussaat folgt die Pflege. Dazu gehört Düngung, Bewässerung (bei uns in Deutschland nicht nötig beim Weizenanbau) und Pflanzenschutz. Auch zum Düngen fahren wieder Traktoren auf die Felder, die entweder Mineraldünger oder Gülle verteilen. Dabei ist die Herstellung von Mineraldüngern besonders aufwendig und benötigt besonders viel Energie. Gülle ist hingegen sowieso im Überfluss vorhanden und wird als Abfallprodukt gesehen. Dennoch muss die Gülle gelagert werden, wofür riesige Silos gebaut werden müssen. Dadurch, dass Gülle im Überfluss da ist, wird oft zu viel gedüngt. Das geht auf Kosten des Grundwassers und des Bodens. Während eine Bewässerung in Deutschland beim Weizenanbau nicht nötig ist, werden anderorts bis zu 1000l Wasser pro kg Weizen verbraucht. Im weltweiten Durchschnitt sind 1826l Wasser nötig, um 1kg Weizen zu gewinnen. Davon sind 19% künstliche Bewässerung und 11% Wasserverschmutzung durch Dünger und Pflanzenschutzmittel.

4. Mit dem Mähdrescher wird der Weizen geerntet und das Korn vom Stroh getrennt. Körner werden von der Maschine gereinigt, das Stroh kommt zurück aufs Feld. Auch der Mähdrescher setzt CO2 frei und benötigt Treibstoff. Und auch Mähdrescher – hochkomplexe Maschinen – müssen hergestellt werden.

5. Entweder werden die Weizenkörner nun direkt verkauft oder gelagert. Ins Lager müssen sie transportiert werden, was wieder Treibstoff verbraucht und CO2 freisetzt. Um als Landwirt eine gute Verhandlungsposition zu haben, lohnt es sich laut Landwirtschaftskammer Niedersachsen, das Getreide zu lagern. Aber auch Mühlen lagern das angelieferte Getreide. Dafür werden riesige Getreidelager benötigt, die zunächst gebaut und dann instandgehalten werden müssen. Bei der Lagerung muss das Getreide immer wieder belüftet und überprüft werden, um zu verhindern, dass sich Schädlinge einnisten oder Pilze entstehen. Klar, dass dafür wieder Energie nötig ist.

6. Danach (oder gleich nach der Ernte) folgt irgendwann der Transport in die Mühle – wenn sich der Weizen nicht schon dort befindet. Bevor das Getreide gemahlen wird, wird es zunächst in mehreren Schritten durch spezielle Maschinen gereinigt (Beispielablauf Reiningung). In bis zu 20 Durchgängen wird das Mehl nun gemahlen (Beispielablauf Mahlvorgang) und gemischt.

7. Dann wird es an die Bäckerei ausgeliefert, die unser Brot backen wird. Dort wird der Brotteig hergestellt, die Backformen erwärmt und das Brot wird gebacken. Während dem Backvorgang wird Wasser verdampft, damit das Brot eine besonders schöne Kruste bekommt (siehe Energieverbrauch in Backbetrieben).

8. Schließlich ist das Brot fertig, wird in den Laden transportiert und dort entweder verkauft oder weggeworfen. Oder erst verkauft und dann weggeworfen. Wieviel Brot tatsächlich in der Tonne landet, kann keiner genau sagen, Schätzungen zufolge können es bis zu 50% sein. Ein Blick in die meisten Bäckerei-Regale am Samstag Abend kurz vor Feierabend belegt: die Regale sind voll. Es ist nicht viel Fantasie nötig, um sich vorzustellen, was mit diesem Brot passiert.

Brot ist dabei noch ein sehr einfaches Nahrungsmittel. Es wird regional erzeugt und besteht potentiell aus sehr wenig Zutaten. Dennoch ist der Herstellungsprozess nicht trivial. Wie viel aufwändiger ist es erst, ein Steak oder eine Tafel Schokolade herzustellen? Wieviel Energie muss da fließen, wieviel Wasser wird dafür verbraucht?

Jedes Gramm weggeworfenes Essen ist verschwendete Energie, verschwendetes Wasser und verschwendete Arbeitskraft. Und wenn es Fleisch ist, sogar verschwendeter Tod.

Was tun?

Einige konkrete Ideen, was wir tun können:

  • Eine Liste führen, wieviel im eigenen Haushalt weggeworfen wird
  • Beim Bäcker Brot vom Vortag kaufen
  • Angebrochene Lebensmittel kreativ zu neuen Gerichten kombinieren
  • Lebensmittel richtig lagern – gerade im Sommer!
  • Sich auf die eigenen Sinne verlassen, und nicht auf das Mindesthaltbarkeitsdatum – viele Lebensmittel sind sehr viel länger genießbar
  • Der Klassiker: nur soviel kaufen wie man braucht
  • Lebensmittel vor Schädlingen schützen, z.B. durch Umfüllen in verschließbare Gläser

Und wer den Wunsch hat, noch mehr zu tun, aber nicht so richtig weiß, wie: derjenige oder diejenige kann sich bei foodsharing.de als Food Saver (Essensretter) engagieren. Die freiwilligen Helfer holen die Lebensmittel, die die Supermärkte sonst wegwerfen würden, ab und bieten sie entweder über das Internet-Portal oder über einen sogenannten FairTeiler kostenlos an. Ein FairTeiler ist ein zentral gelegener Platz, wo Lebensmittel hingebracht und abgeholt werden können. Diese FairTeiler gibt es in vielen großen und kleinen Städten, sogar Dörfern.

Weiterführende Links:
Virtuelles Wasser
Energieeinheiten

3 Kommentare

    1. Freut mich, dass der Artikel gefällt. Worüber meinst du denn, dass ich schreiben sollte? Über das T-Shirt, oder über Wasser? Finde es eine gute Idee, ein Blog nur dem Wasser zu widmen. Was unterscheidet euer T-Shirt denn von anderen Fairtrade-Bio-Baumwoll-T-Shirts?

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