Die Macht der Essgewohnheit

Als ich noch jünger war, aß ich fast nichts. Zum Frühstück gab es Nutella mit Brie oder Kellogg’s, mittags Tütensuppen, wenn es etwas ausgefallener sein sollte doch mal Nudeln mit Tomatensoße (aus dem Päckchen) oder Pfannkuchen. Abends wurde Pizza bestellt oder Sandwiches gemacht. In der Tomatensoße durften keine Tomatenstückchen oder Zwiebeln sein. Zucchini und Auberginen mochte ich nicht, Pilze verabscheute ich. Zwiebeln durfte man nicht sehen im Essen. Spinat musste klein püriert und mit Sahne sein, damit ich ihn essen konnte. Rote Bete mochte ich nicht, alle Sorten von Kohl schon gleich zweimal nicht. Und über saure Gurken will ich gar nicht reden. Und Kümmel erst! Und das ist noch gar nicht so lange her1.

Mittlerweile esse ich eigentlich alles2. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich an so ziemlich jeden Geschmack gewöhnt3. Dazu möchte ich eine Anekdote aus der Lotos-Küche erzählen:

Ich habe als Köchin den Auftrag bekommen, eine Meerrettich-Soße zu machen. Meerrettich mochte ich nicht. Aber ich sollte die Soße ja nicht essen, nur machen. Also sah ich mir das Rezept an und legte los. Irgendwann kam der kritische Moment: ich musste die Soße abschmecken! Dazu hieß es immer wieder probieren, nachwürzen, probieren, nachwürzen, usw.
Empfand ich den Geschmack von Meerrettich zu Beginn noch als “igitt”, wandelte sich das nach dem zehnten Abschmecken doch tatsächlich in “naja, ist doch eigentlich auch essbar”.

Natürlich gibt es immer noch Dinge, die ich lieber esse als andere, z.B. Kürbis lieber als Spargel. Aber es gibt kaum noch etwas, das ich stehen lassen würde, wenn man es mir vorsetzte. Nun ja, an milchsaures Gemüse und Algen im großen Stil müsste ich mich wohl wirklich noch gewöhnen.

Vielleicht gibt es auch wirklich Geschmäcker, die sich für manch einen nicht ertragen lassen. Aber meiner Erfahrung nach ist Geschmack reine Gewohnheit.

Warum neue Geschmäcker erforschen?

Natürlich stellt sich die Frage: Warum sollte ich mir überhaupt die Mühe machen, noch mehr Geschmäcker schätzen zu lernen? Ich bin doch zufrieden damit, dass ich xyz nicht mag!

Meine Gründe sind die:

  1. Ich ernähre mich vielseitiger, evtl. saisonaler und gesünder.
  2. Ich persönlich finde es eine Erleichterung, wenn ich eingeladen bin und nur dazu sagen muss, dass ich vegan esse, anstatt aufzuzählen, was ich alles sonst nicht essen will.
  3. Ich habe mehr Möglichkeiten, was ich für mich kochen kann.
  4. Eine Ernährungsumstellung, sei es durch Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder den Schritt zu Vegetarismus/Veganismus, ist leichter durchführbar, wenn ich ein größeres Repertoire an Nahrungsmitteln habe, die ich grundsätzlich esse.
  5. Ich lerne öfter mal was Neues kennen!

Ich möchte ermutigen, einfach mal auszuprobieren. Recherchiert aber zunächst, wie man z.B. das Gemüse zubereiten sollte, damit es schmeckt. Oft kennen wir nur eine Zubereitungsart oder haben nur Gemüse aus der Dose gegessen. Hinterfragt mal, warum euch etwas bestimmtes nicht schmeckt. Und gebt euch beim Ausprobieren nicht gleich die volle Dosis, lieber erstmal klein anfangen. Und ganz wichtig: Verwendet möglichst frisches Bio-Gemüse, das gerade Saison hat. Man schmeckt das!

Wie sind eure Erfahrungen?

  1. geschätzt 5 Jahre []
  2. was vegan ist []
  3. vielleicht abgesehen von Brottrunk []