Bild sitzende Statue am Strand die gen Meer blickt

Szenen aus dem Alltag eines Blinden

Zuerst einmal ein herzliches Hallo! Mein Name ist Matthias Funkelmann und ich habe dank eines anregenden Telefonats, das ich vor geraumer Zeit mit Sabrina geführt habe, Mut geschöpft, einen Beitrag für den Niemblog zuschreiben. Mein Thema sind diskriminierende Erfahrungen im Alltag, die ich nicht selten täglich als körperlich Behinderter erlebe, wenn ich mich außerhalb meiner Wohnung oder meiner Arbeit bewege. Deshalb möchte ich zuerst einmal kurz auf alles das eingehen, das mir in vielen Bereichen meines Lebens eine Erschwernis darstellt.

Was mich beeinträchtigt und mir im Alltag hilft

Ich leide seit meiner Geburt an einem kongenitalen Glaukom, besser bekannt als angeborener kindlicher Grüner Star, eine Krankheit, die auf lange Sicht zu einem Totalverlust des Sehvermögens führen kann. Damit mein Augenlicht länger erhalten werden konnte und in geringen Resten auf einem Auge noch immer vorhanden ist, mussten gerade in meiner Kindheit viele augeninnendrucksenkende Operationen durchgeführt werden. Dennoch ist der Verlust eines Auges zu beklagen, der durch eine sehr schmerzhafte Augenentzündung in sehr früher Kindheit hervorgerufen wurde. Dies geschah trotz eines Klinikaufenthalts, in dessen sehr engen zeitlichen Zusammenhang zusätzlich eine selektive Essstörung (Selective Eating Disorder, SED) auftrat, die bis heute immer noch, wenn auch nicht mehr so schlimm wie früher, deutlich einschränkend auf mein soziales Leben wirkt.

Da sich seit meiner Geburt das Augenlicht immer weiter verschlechtert hat, bin ich mittlerweile in meinem Alltag auf die Benutzung eines weißen Langstocks angewiesen. Dieser ist für mich eine unschätzbare Hilfe. Denn durch ihn kann ich unter Ausführung rhythmischer Pendelbewegungen nicht nur Hindernisse entdecken und diesen aus dem Weg gehen, sondern ich bin sogar in der Lage, Barrieren gezielt als Orientierungshilfe zu nutzen. Den Gebrauch dieses Stocks musste ich in vielen Stunden Mobilitätstraining erlernen. Während dieser Übungseinheiten wurden mir auch viele alltägliche Wege im Straßenverkehr vermittelt, um mir ein möglichst hohes Maß an Eigenständigkeit zu erhalten. Diese Unabhängigkeit ist etwas, dass nicht nur für mich, sondern für viele Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, so glaube ich, von unschätzbarem Wert und ein unbedingt anzustrebendes, sehr wichtiges Ziel ist.

Ich bin markiert

Gerade der weiße Stock, der mir so hilfreich ist, wirkt in der Öffentlichkeit als Markierung: Er kennzeichnet mich als Blinden. Dies hat zur Konsequenz, dass sich meine Mitmenschen als hilfsbereit erweisen wollen, es aber in dem Bemühen darum nicht schaffen, mich respektvoll und nicht-diskriminierend zu behandeln. Das ist schade und hinterlässt mich in vielen Situationen oft mit einer Mischung aus Groll, Rat- und Hilflosigkeit zurück. Dieser Beitrag ist diesen Begebenheiten gewidmet. Ich möchte diese in kurzen Geschichten vorstellen und kommentieren. Dabei ist mir wichtig zu betonen, dass die hier geschilderte Sichtweise meine sehr persönliche ist. Ich erhebe nicht den Anspruch, für andere Blinde oder gar Menschen mit anderen Körperbehinderungen wie etwa Querschnittsgelähmten zu sprechen. Erst recht gebe ich auch keine Verbandsmeinungen wider. Ich möchte lediglich Denkanstöße geben. Dies tue ich in dem Bewusstsein, dass die meisten, denen ich, auch in den beschriebenen Situationen, begegnet bin, ehrlich hilfsbereit sein wollten. Aber es mangelte an einer würdevollen Umsetzung, weil vielleicht unbewusste Vorurteile handlungsleitend waren. Dies mache ich letztlich niemandem zum Vorwurf, weil ich mir selber eingestehen muss, dass ich vorgefertigten Meinungen selbst allzu leicht erliege.

Genug geredet, jetzt fangen wir an! In vielen meiner alltäglichen Situationen spielen plötzliche Körperberührungen der unangenehmen Art eine Rolle. Dies wird schon in der ersten Geschichte klar.

Der Klammergriff von hinten

Ich verließ eines Abends wie gewohnt die Arbeit. Da ich noch ein paar Besorgungen machen wollte, entschied ich, mit dem Bus in die Stadt zu fahren. Ich begab mich an die Bushaltestelle und wartete auf den Bus, der auch schon nach wenigen Minuten eintraf. Ich bewegte mich in Richtung des stehenden Gefährts und suchte dessen Seitenwand, um mich an ihr entlang in Richtung einer Wagentür zu hangeln. Mit der linken Hand berühre ich das Blech des Busses und laufe vorsichtig zum nächsten Eingang. Da höre ich einen Mann sagen: „Du musst weiter vor gehen! Noch ein Stück!“ Ich überhöre zunächst diese Stimme, da ich mit meiner linken Hand bereits die offene Wagentür spüren kann. Ich drehe mich nach links, um in den Bus einzusteigen, als ich von hinten zwei Hände jeweils in meinen Hüften spüre. Mein Körper wird plötzlich von Steifheit erfüllt, so überrascht werde ich. „Vorsicht!“ höre ich erneut den Mann, „Hier geht es nach oben.“ Just in diesem Moment bemerke ich, wie der Herr, der sich direkt hinter mir befindet, mich mit seinen Händen in Richtung der offenen Tür drückt. Dies ist ein äußerst unangenehmes Gefühl, wenn man bedenkt, dass er gerade seine Hände in meinen Hüften vergraben hat! Ich hebe in diesem Moment ein Bein an und steige in den Bus ein, und der Passant löst seinen Griff. Ich setzte mich auf den nächsten freien Platz und der Bus fuhr los.

Diese Situation repräsentiert schlicht meinen Alltag. Einzig der Klammergriff in der Hüfte ist etwas ungewöhnlich. Üblicherweise finden die unerwarteten Berührung meist „nur“ irgendwo auf Rücken Arm oder Schulter statt. Aber einmal Hand aufs Herz, wem würden solche urplötzlichen Handgreiflichkeiten gefallen? Mir jedenfalls nicht. Ich bin nicht irgendein Freiwild! Da hilft es mir auch nicht, dass mir ein Mitmensch helfen will. In diesen Überraschungsmomenten fühle ich mich sehr verletzt und der Situation hilflos ausgeliefert. Ich wünsche mir Respekt! Wenn ich schon angefasst werde, fände ich es schon gut, wenn ich vorher gefragt werden würde, ob ich überhaupt Hilfe brauche! Schließlich war ich keiner Gefahr ausgesetzt, die Leib oder Leben bedroht hätte.

Und überhaupt das Duzen! Das entspricht nicht den Gepflogenheiten in unserem Teil der Welt. Hier ist es üblich, dass unbekannte Personen mit „Sie“ angesprochen werden! Das „Du“ empfinde ich deshalb als sehr demütigend.

Sicher, mir ist auch bekannt, dass es Menschen gibt, die schlicht jeden Duzen, dem sie auf der Straße begegnen, aber das ist nicht der Normalfall, und in der Regel schwenken die meisten auf das „Sie“ um, wenn sie selber entsprechend angesprochen werden. Aber warum geschieht das bei mir eher selten? Ich bin ratlos und auch ein wenig traurig.

Es ist gut möglich, dass ich während eines einstündigen Spaziergangs drei oder gar vier vergleichbare Situationen mit solch übergriffigen Berührungen erlebe. Häufig fühle ich mich nach derartigen Ausflügen so emotional aufgewühlt, dass meine Gedanken noch längere Zeit um die Vorfälle kreisen, so sehr ist mein Bedürfnis nach Respekt missachtet. Besonders begleiten mich die Geschehnisse im Nachhinein, wenn Passantinnen oder Passanten mir Absichten unterstellen, die ich überhaupt nicht habe.

Die richtige Richtung

Um ein paar wichtige Besorgungen erledigen zu können, begab ich mich mit der U-Bahn in die Innenstadt. Nachdem ich die Bahn verlassen und mich aus dem Untergrund an die frische Luft begeben hatte, postierte ich mich neben die ein paar Momente vorher von mir genutzte Treppe, um anhand der Verkehrsgeräusche meinen genauen Aufenthaltsort zu bestimmen. Außerdem wollte ich mir Gedanken über meinen einzuschlagenden Laufweg machen. Als ich schon nach kurzem Innehalten beschließe, meine Besorgungen in Angriff zu nehmen, bemerke ich, wie mich eine Person am Arm packt und versucht mich in Richtung Treppe zu schieben. Ich schrecke auf. „Dorthin!“ höre ich die Person, die unverkennbar eine Frau ist. Ich versuche, meinen Arm aus den Händen der Dame zu ziehen, um mich von der Treppe wegbewegen zu können. Das gelingt mir aber nicht. Der Griff der Frau ist einfach zu stark. „Dort geht es lang!“ sagt sie, „Du musst dorthin gehen, hier geht es zur U-Bahn!“ Ich erkenne jetzt die Absichten der Greiferin und entgegne: „Nein! Ich will nicht zur U-Bahn.“ Genau in diesem Moment lässt sie meinen Arm los. Sie brummt: „Ach so, entschuldige.“ Anschließend entfernte sie sich und ich konnte meine geplanten Erledigungen vollenden.

Ich bitte darum, sich vorzustellen, wie sich das anfühlt: Man steht einfach nur an einer Treppe, hat einen weißen Stock in der Hand und wird urplötzlich in Richtung U-Bahn geschoben! Und das vor dem Hintergrund, dass man da gar nicht hin will! Ich jedenfalls fühlte mich schlicht übergangen, war erschrocken und wütend zugleich. Die Frau hätte mich doch respektvoll fragen können, ob ich Hilfe benötige. Es hätte schon sein können, dass ich zur U-Bahn gewollt hätte, aber signalisiert habe ich das nicht! Warum also werde ich so von der Dame gepackt und herumgezerrt? Ich hätte doch auch auf einen Bekannten warten können! Tut sie das wegen meines Stocks? Geht sie so übergriffig auch mit nicht-behinderten Menschen um? Wenn ich mir die Antwort „nein“ gedanklich vorlege, so gestehe ich, dass ich ein wenig neiderfüllt auf meine nicht-behinderten Mitmenschen blicke. Jedenfalls sehe ich, missgünstig und auch traurig, mein Bedürfnis nach Autonomie verletzt.

Wenngleich mein Alltag durchaus von solchen Ereignissen geprägt wird, sofern ich mich außerhalb meiner Wohnung oder Arbeit befinde, so kann sich so manch noch viel emotionalerer Vorfall ereignen, wie folgende Geschichte zeigt.

Die Maßregelung

Eines Morgens ging ich wie gewohnt zur Arbeit. Auf dem Weg dorthin gab es seit geraumer Zeit eine Baustelle. Wieder einmal wurde der Gehsteig aufgerissen, damit irgendwelche Reparaturarbeiten durchgeführt werden konnten. Da sich deswegen ein Loch im Boden des Wegs befand, wurde der betreffende Bereich abgesperrt. Die Abriegelung war dabei so praktisch angebracht, dass ich sie als Orientierungshilfe nutzen konnte. Ich steuerte, wie die letzten Tage auch, diese Baustelle an. Ich gelangte zur Absperrung. Mein Stock schlug an. Dabei bemerkte ich, wie sich schräg vor mir eine Person aufbaute. „Kommen Sie zu mir!“ höre ich eine Männerstimme sagen. Ich versuche, mich in die Richtung des Passanten zu bewegen, aber sehr schnell bemerke ich dank meines Stocks, dass sich offenbar ein Auto in meinem Weg befindet. Auf jeden Fall kann ich nicht so ohne Weiteres zu dem Mann laufen. Also entscheide ich, mich rückwärts zu orientieren, um an dem Auto vorbei zu dem Herren zu gehen. „Hier, nehmen Sie meine Hand! Diese Baustelle ist zu gefährlich für Sie!“ ruft er, „Gehen Sie nicht zurück!“ Die Stimme klingt jetzt ziemlich ärgerlich, dennoch entscheide ich, mittlerweile etwas verunsichert, den bereits eingeschlagenen Weg fortzusetzen. „Warten Sie, ich komme schon zu Ihnen!“ versuche ich während der Umrundung des Wagens zu antworten, „Ich gehe hier nur um das Auto.“ Er jetzt hörbar aggressiv: „Lassen Sie sich doch helfen!“ Ich schlängle mich weiter um das blecherne Gefährt. Schließlich stehe ich vor ihm. Er brüllt: „Wenn ich Ihnen sage, dass Sie mir die Hand geben sollen, können Sie sich doch nicht einfach umdrehen!“ Und weiter: „Das ist eine riesengroße Frechheit von Ihnen! Ich werde Ihnen nie mehr helfen!“ In diesem Moment setzt er sich in Bewegung und beginnt sich von mir zu entfernen. Ich versuche noch zu entgegnen: „Warten Sie, ich kann Ihnen das erklären. Das Auto war mir im Weg.“ Doch er ist schon zu weit von mir entfernt. Ich höre ihn nur verärgert grummeln: „Ja, ja…“ Ich blieb noch kurz stehen, um dann schockiert den Weg zur Arbeit fortzusetzen.

Diese Geschichte beruht auf einer realen Begebenheit, an die ich mich noch mit viel Groll erinnere. Ich fühlte mich damals völlig überrollt. Ich versuchte nur einem (vermeintlichen?) Hindernis auszuweichen, in dem ich den Rückwärtsgang einlegte und um das Auto gehen wollte. Und was hörte ich als Reaktion? Eine Maßregelung, nein viel mehr, eine Beschimpfung, als ob ich ein Rotzlöffel wäre! Ich kann ja verstehen, dass der Mann durch mein Verhalten sich gekränkt gefühlt haben muss, weil ich sein Hilfsangebot nicht umgehend angenommen habe. Aber muss er da so brüllen? Wer gibt ihm dazu das Recht? Er ist ja noch nicht einmal mehr auf meinen Erklärungsversuch eingegangen, hat mich damit schlicht nicht als einen Gesprächspartner auf Augenhöhe anerkannt. Und ehrlich gesagt, genau das hat mich an diesem Tag noch lange hilflos und verwirrt an meinem Arbeitsplatz zurückgelassen und richtig sauer gemacht!

Zugegeben, solch ruppige Ansprache kann man immer wieder einmal auf der Straße hören, etwa wenn jemand nach dem Verlassen von U- oder Straßenbahn einfach vor der Tür stehen bleibt und anderen den Weg versperrt, und daraufhin von einem Mitmenschen scharf angegangen wird. Das lag in dieser Situation aber gar nicht vor! Im Gegenteil, ich wollte einer potentiellen Kollision aus dem Weg gehen.

Ist so etwas schon ärgerlich und demütigend genug, so kann es auch unter Umständen lebensbedrohlich werden, etwa wenn jemand mit einem Scherze treiben will.

Die Ampel ist …

Wie jeden Arbeitstag befinde ich mich auf dem Heimweg in meine Wohnung. Während dieses Spaziergangs muss ich immer eine große, recht unübersichtliche Kreuzung überqueren, deren Verkehrsfluss durch Ampeln geregelt ist. Wie immer suche ich mit meinem Stock vorsichtig die Stelle des Straßenrands, die für eine gefahrlose Überquerung der Straße am besten geeignet ist. Ich stehe an der Ampel, als ich wahrnehme, dass der Verkehr vor mir zu fahren beginnt. Das ist das Zeichen, dass die Ampel für mich auf Grün geschaltet ist. Da aber das akustische Signal noch nicht ganz eindeutig ist, zögere ich, die Straße zu betreten. In diesem Moment vernehme ich eine Frauenstimme: „Es ist grün!“ Noch etwas verunsichert von den mich umspülenden Verkehrsgeräuschen setze ich behutsam einen Fuß auf die Fahrbahn, als es von hinten durch einen Mann schallt: „Es ist rot!“ Ich ziehe mein Bein zurück, um mich aus einer potentiellen Gefahrensituation zu befreien. Unsicher stehe ich am Straßenrand und überlege, ob ich, ungeachtet der doch recht eindeutigen Geräuschsituation, besser nicht die Fahrbahn überquere. In diesem Augenblick vernehme ich die ursprüngliche Frauenstimme. Diese ruft jetzt nachdrücklich: „Die Ampel ist grün! Sie können gehen!“ So angespornt nahm ich mein Herz in die Hand und überquerte entschlossenen Schrittes sicher und ungefährdet die Straße.

Eigentlich muss ich hier nicht viel kommentieren. Ich bin auf eine korrekte Aussage gerade an einer Ampel angewiesen. Man stelle sich nur vor, ich wäre von der Frau vor einer roten Ampel gewarnt worden und der Mann hätte „grün“ gerufen! Dann wäre das für mich lebensgefährlich geworden! Scherze auf Kosten meiner Person oder sonstige Formen der Verarschung sind in solchen Situationen schlicht indiskutabel.

Warum aber kommen gerade bei mir als Blindem die Leute auf die Idee, mich als Zielscheibe von Scherzen zu machen? Liegt es daran, dass ich einer anderen unterprivilegierten Außenseitergruppe angehöre, die am besten nichts mit der Normalbevölkerung zu tun haben sollte? Dazu folgende Geschichte.

Der Kollege

Vor einiger Zeit lebte ich in einem Wohnhaus mit verschiedenen Parteien. Es handelte sich um eines dieser Häuser, in dem man problemlos anonym jahrelang leben kann, ohne von einem Nachbarn nur die geringste Notiz zu nehmen: Man geht morgens zur Arbeit, kehrt von dieser Abends zurück und gibt sich dann, je nach individuellem Temperament, den eigenen Vergnügungen hin. Für jemanden wie mich bedeutet das vor allem, die eigenen Nachbarinnen und Nachbarn in der Regel nur durch die Geräusche wahrzunehmen, die diese beim Betreten und Verlassen des Hauses hervorrufen. Im günstigsten Fall grüßt man sich kurz, um dann schleunigst wieder den eigenen Verrichtungen nachzugehen. Irgendwann in jener Zeit bemerkte ich, dass sich offenbar auf meinem Stockwerk eine ebenfalls blinde Person männlichen Geschlechts eingemietet hatte. Sicher war ich mir zunächst erst nicht, aber die Klappergeräusche , die ich gelegentlich morgens vernahm, wenn ich mich auf den Weg zur Arbeit machte, waren eindeutig. Nach geraumer Zeit konnte ich allerdings das Klimpern des Langstocks des Nachbarn nicht mehr hören, sodass ich annahm, dass er verzogen sei.

Irgendwann Monate später begegnete ich im Treppenhaus einem Mitbewohner , mit dem ich gelegentlich im Vorbeigehen immer wieder ein paar Worte gewechselt hatte. Er sah mich, grüßte mich freundlich und fügte hinzu: „Dein Kollege kommt bald wieder zurück.“ „Kollege?“ entgegnete ich verdutzt. „Ja, bei Dir auf dem Stockwerk wohnt doch der Blinde. Dem geht es wie Dir“, antwortete er. „Ach so, der! Ich denke, ich weiß, wer gemeint ist“, reagierte ich etwas überrascht. „Kennst Du Deinen Kollegen?“ fragte er mich. „Nein, tut mir leid, ich weiß nur, dass er hier wohnt“ erläuterte ich, „Ich weiß nichts über ihn.“ „Schade“, reagierte hieraufhin mein Gesprächspartner enttäuscht, „Ihr solltet Euch doch eigentlich kennen.“

Abgesehen davon, dass es meinem Nachbarn gelungen ist, Kontakt mit einem Mitbewohner aufzunehmen, drängt sich mir die Frage auf, warum ich aus seiner Sicht den blinden Hausgenossen kennen muss. Logisch betrachtet ist jener doch ein mir völlig unbekannter Mensch! Warum glaubt der Nachbar , dass der blinde Mitbewohner und ich sich kennen müssen? Weil wir ähnlich gelagerte Probleme in unserem Alltag haben? Wähnt er uns zu einer anderen, von den „normalen“ Menschen verschiedenen, homogenen Gruppe zugehörig, die abgeschottet in ihrer eigenen Welt leben sollte? Steckt hier eine Haltung dahinter, die besagt, behinderte Menschen sollten besser sich im Dunstkreis ihrer eigenen Verbände und Selbsthilfegruppen bewegen, damit sich Otto Normalverbraucher mit deren Problemen nicht befassen muss? Hierauf blickend, fühle ich mich ratlos und alleingelassen.

Ähnliche Begebenheiten beobachte ich überhaupt oft: Wenn beispielsweise eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn einer blinden Person behilflich ist, in den Zug zu steigen und bemerkt, dass ebenfalls ein anderer sehgeschädigter Mensch im Wagen sitzt, so ist jene oder jener oft bemüht, die beiden räumlich nahe zueinander zu setzen, unabhängig davon, ob ein Schwerbehindertenplatz in der Nähe ist oder nicht. Warum eigentlich?

Die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden Geschädigten sich völlig fremd sind, ist recht hoch!

An dieser Stelle muss ich ausdrücklich betonen, dass ich als Blinder wie jeder Mensch Teil der Gesellschaft bin, nicht Angehöriger einer esoterischen Außenseitergruppe. Ich bin, wie alle anderen Personen, ein Individuum, das auch als solches anerkannt werden möchte, mit allen Stärken, Schwächen und Bedürfnissen.

Bislang schien es immer so zu sein, dass in der Kommunikation zwischen mir, dem Blinden, und meinen, oft sehr geschätzten, Mitmenschen alles schief geht und ich respektlos behandelt werde. Dieser Eindruck trügt, und das Gott sei dank! In vielen, vielleicht sogar der Mehrheit der Begebenheiten, läuft es sehr gut, manchmal sogar mustergültig. Wie so etwas aussehen kann, zeigt folgende kurze Geschichte.

Am Bahnsteig

Vor geraumer Zeit beschloss ich, zu einem Bekannten zu fahren, der in A-Stadt wohnt. Ich wollte schon gegen Mittag vor Ort sein, weshalb ich entschied, einen der frühesten Züge zu nehmen. Ich begab mich also in der Früh zum Bus, fuhr mit diesem zum entfernt gelegenen Bahnhof und eilte schnurstracks zu dem Bahnsteig, auf dem der Zug laut Internetauskunft der Bahn abfahren sollte. Ich betrat das Gleis und bemerkte, dass offenbar kaum Menschen zugegen waren. Dafür war aber schon der Zug da, was gut am Brummen des Dieselmotors zu erkennen war. Etwas verunsichert von der Situation orientiere ich mich vorsichtig mit meinem Stock in Richtung des lärmenden Gefährts. Ich taste mich an der Seitenwand des Waggons entlang in Richtung einer Tür. Da vernehme ich eine Herrenstimme, die mich freundlich fragt: „Benötigen Sie Hilfe?“ Ich drehe mich in Richtung des Ursprungs der Worte . „Ja, ich möchte nach A-Stadt “, entgegne ich dem Mann. „Oh, da sind Sie aber nicht richtig“, bekam ich zu hören, „der Zugteil in Richtung A-Stadt ist weiter vorne. Dieser Wagen geht nach B-Hausen. Darf ich Sie dorthin begleiten?“ „Oh, gerne!“ reagiere ich erfreut. Im selben Moment setze ich mich in Bewegung, orientiere mich in Richtung des Mannes, um ihm zu folgen. Mir gelingt es, mich direkt neben ihm zu platzieren, sodass wir Seit an Seit uns dem Zugteil in Richtung A-Stadt nähern können. Wegen der Pendelbewegungen meines Stocks fühle ich mich jetzt aber ein wenig unsicher. ‚Hoffentlich komme ich ihm mit dem Stock nicht in die Quere und er stolpert‘ , saust mir durch den Kopf. Ich entschließe deshalb, meinen Laufpartner zu fragen: „Kann ich mich bei Ihnen am Arm einhängen?“ „selbstverständlich!“ erhalte ich ohne Zeitverzug als Antwort. Gesagt, getan. Ich suche mit meiner linken Hand seinen Ellenbogen , berühre in leicht und wir bewegen uns so, dabei locker plauschend, zur richtigen Wagentür. Dort angekommen fragte mich der zuvorkommende Herr, ob er mir den Waggon öffnen könne, was ich mit einem herzlichen „Ja“ erwidere. Beim Einsteigen in den Zug verabschiedeten wir uns und ich wünschte ihm eine gute Fahrt.

Hier ist wirklich alles optimal gelaufen. Ich werde zuerst angesprochen und gefragt, ob ich Hilfe benötige. Da ich aus eigener Erfahrung weiß, dass viele Züge aus verschiedenen Teilen bestehen, reagiere ich entsprechend und gehe auf das Hilfsangebot ein. Die stattgefundene körperliche Berührung erfolgte hierbei nicht nur im Konsens, sondern sie beruhte auf meiner eigenen Initiative und diente tatsächlich dazu, mich zur Wagentür zu führen. Und überhaupt: Ich wurde respektvoll mit „Sie“ angesprochen!

Super, besser kann es einfach nicht laufen!

Was kann man tun?

Die letzte kurze Geschichte sollte zeigen, dass die Begegnung zwischen behindertem und nicht-behinderten Menschen auch wirklich gut ausgehen kann, weil die Kommunikation einfach stimmt. So optimal läuft es sicher nur in den wenigsten Fällen. Viele Situationen liegen in einem Spektrum aus respektvollem und hilfsbereiten auf der einen, und rüpelhaftem und übergriffigem Verhalten auf der anderen Seite. Dennoch bleibt aus meiner Warte festzustellen, dass, ehrlich betrachtet, weit über die Hälfte der Situationen als eher positiv zu bewerten sind. Dennoch stechen die ärgerlichen und demütigenden Vorfälle heraus und wühlen mich nicht selten unnötig auf. Ich fühle mich dann oft wie ein Mann, der an einem einsamen Strand steht und ratlos in die Ferne blickt.

Was kann man nun tun? Vielleicht ist die gute alte Goldene Regel ein erster Ansatzpunkt: „Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg auch keinem andern zu!“ Wer hat es schon gern, von hinten ohne Vorwarnung gepackt zu werden und irgendwo hingeschoben zu werden? Eben: Niemand! Was hätte man also viel lieber? Richtig: Man möchte zumindest vorher gefragt werden! Möchte man wegen eines nicht ganz korrekten Benehmens wirklich gleich angeschnauzt werden? Klar: Natürlich nicht! Es ist vielleicht einfach besser, besser nicht blindlings seinen eigenen Impulsen zu folgen, egal, ob diese durch ein positives Motiv wie Hilfsbereitschaft angetrieben sind. Ich denke, es wäre viel besser, wenn wir häufiger versuchten, die Bedürfnisse der Mitmenschen mit ins Kalkül zu ziehen. Konkret heißt dies in meinen Augen, einen behinderten Menschen, der sich in einer Hilfe erfordernden Situation befindet und nicht akut um Leib oder Leben fürchten muss, nicht einfach irgendwie zu packen und irgendwo hinzuschieben, sondern lieber Fragen zu stellen, um dessen Bedürfnisse und Grenzen in Erfahrung zu bringen. Ein „Kann ich Ihnen helfen?“ oder „Darf ich Sie anfassen?“ einmal mehr als weniger geäußert ist sicher besser und würde so manch unangenehme Situation vermeiden helfen. Und zwar im Interesse aller!

4 Meinungen zu “Szenen aus dem Alltag eines Blinden

  1. Lieber Matthias,
    vielen Dank für Deinen überaus anschaulichen Bericht, der mir Klarheit und Einsicht vermittelt in ein Leben, das ich mir gar nicht so leicht vorstellen kann. (In Wirklichkeit betrifft das ja ohnehin die meisten Leben anderer Menschen, weil diese eben andere Erlebnisse haben, als ich.)
    Wiedereinmal zeigt sich, dass „gut gemeint“ oft nicht unbedingt „gut getan“ ist.

    Deine lebendigen Beispiele helfen mir, meinen eigenen Denkweisen auf die Spur zu kommen und dabei manche Muster zu durchbrechen und neu zu sortieren. Bisher übe ich das schon im Umgang mit Kindern, bei denen ich auch oft automatisch ganz anders – weniger respektvoll – re-/agier(t)e, als bei Erwachsenen. Ich finde solche Reflexionen höchst spannend und es erfordert viel Achtsamkeit, angelernte Muster zu erneuern. Es ist aber durchaus möglich und das finde ich ein sehr bereicherndes Erleben.

    Vielen Dank also für die neuen Denkanstöße!

    Herzliche Grüße,
    Iris

    PS: Ich habe kurz überlegt, ob ich Dich siezen soll; damit würde ich Dich aber anders behandeln als ich es gewohnter Weise in diesem Umfeld machen würde und hoffe, dass mein „Du“ so respektvoll ankommt, wie es gemeint ist.

    1. Liebe Iris,

      es freut mich sehr zu lesen, dass ich Dir mit dem Beitrag ein paar Denkanstöße geben konnte! Deine Bemerkung „Gut gemeint ist nicht gut gemacht.“ trifft durchaus ins Schwarze. Diese Botschaft wollte ich durchaus vermitteln.
      Deine bei Dir selbst gemachten Beobachtungen in Bezug auf Kinder teile ich. Mir geht es da oft selbst nicht anders! Ich gestehe auch, dass das Verhalten, das ich in dem Beitrag kritisiere, ich nicht selten an den Tag lege, gerade im Umgang mit anderen Behinderten, die nicht gerade meine Schädigungen aufweisen. Beim Schreiben des Artikels ist mir das durchaus schmerzlich aufgefallen.

      Vielen Dank für Dein freundliches Feedback!

      Herzliche Grüße
      Matthias

      P.S.: Gegen das Duzen habe ich grundsätzlich nichts, vor allem dann, wenn alle gleich behandelt werden wie es in diesem Umfeld hier der Fall ist. Mich stört es aber doch, wenn ich das Gefühl habe, dass ich in diesem Punkt anders behandelt werde als andere.

  2. Lieber Matthias,
    auch von mir herzlichen Dank für die tiefen und erhellenden Einblicke in deine (Alltags-)Lebenswelt.

    Viele Grüße
    Esther

    1. Liebe Esther ,

      es freut mich zu lesen, dass ich Dir ein paar Einblicke geben konnte. Vielen Herzlichen Dank für das Feedback!

      Viele Grüße
      Matthias

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